ENGEL                                                                                                                                                                   © 2000
Cyrus wand sich vor Schmerzen am Boden. Er hatte das Gefühl innerlich zu verbrennen. Der Kommandant, der ihm gegenüber stand, brach in lautes Gelächter aus und seine Kollegen stimmten fröhlich mit ein. Sie tranken Sekt, weil es ein besonderer Tag war. Zigarren wurden verteilt und bald war der Raum mit blauem Rauch geschwaengert. Cyrus kroch aus dem Zimmer. Sein Leib kochte. Im Flur sah er noch andere Engel, die ihn aus entsetzten Augen anschauten und sich vor Pein die Leiber hielten. Sarahs traurige Augen schauten auf ihn: "Was ist nur passiert? Warum ist es so schwierig geworden?" fragte Sarah. "Sie hoeren uns nicht mehr. Sie fuehlen uns nicht mehr. Ich bin es fast leid ihnen zu helfen." „Wir haben einen mächtigen Feind“, antwortete Cyrus erschöpft. „Er hat seine stärkste Waffe geschickt. Er verblendet die Menschen, heuchelt ihnen gute Taten vor und hat nur deren Vernichtung im Sinn“. Ein Schrei gellte durch das Lager. Cyrus und Sarah sahen sich an und gingen in die Richtung, aus der der Schrei kam. Unterwegs begegneten ihnen Menschen, die trotz der Kälte nichts auf dem Leibe trugen. Sie wurden in Zweierreihen von Soldaten in schwarzen Uniformen in eine riesige Baracke mit der Aufschrift „Badeanstalt“ getrieben. Hinter der Baracke befand sich der Heizungsraum. Aus den großen Schornsteinen qualmten schwarze Wolken heraus, aus denen graue Asche rieselte.
 
Gabriel kniete hinter dem Heizungsraum vor einer Grube. „Seine Macht ist so groß, dass sein Funke auf eine ganze Nation übergesprungen ist. Wir müssen etwas tun“, sagte er, nachdem die anderen gesehen hatten, was sich in der Grube befand. „Was können wir machen?“ fragte Sarah. Sie horchten eine Weile den Befehlen, die durch das Lager gebrüllt wurden. Die Soldaten schlugen mit Holzstöcken auf die verängstigten Menschen ein. Ein kleines Mädchen lief aus der Gruppe. Es hatte seine Mutter am Anfang der Schlange erblickt. Einer der Soldaten, zog seine Pistole aus dem Halfter und erschoß teilnahmslos das Kind. Gabriel schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, wie Sarah sich über den Leichnam beugte. Sie nahm die Seele des Mädchens liebevoll in ihre Arme. „Ich werde sie zu Ihm bringen“, sprach sie. Gabriel nickte. „Komm Cyrus, wir werden dem ein Ende machen“.
 
Sie gingen zu einem großen Gebäude. Es war eine Druckerei. Gabriel erhob seine Arme und sprach mit voller Inbrunst ein Gebet. Ein kühler Wind wehte plötzlich durch die Halle. Dann hörten die gewaltigen Maschinen auf zu drucken. Die Arbeiter hielten in ihrer Bewegung inne. Stille! Kein Laut war zu hören. „Komm“, sagte Gabriel „wir können die Zeit nicht so lange anhalten“. Er ging zur ersten Maschine, holte die Druckvorlage heraus und legte sie spiegelverkehrt hinein. Das gleiche tat er bei den anderen. Als er mit der letzten Vorlage fertig war, bewegten sie die Maschinen wieder. Cyrus sah ihn fragend an. „Was hast du verändert?“ „Ich habe das Zeichen umgekehrt. Nun wird das heilige Zeichen auch das Böse umkehren“. Er lächelte. Cyrus sah zu den Maschinen. Die Fahnen trugen die Swastika jetzt spiegelverkehrt. Die Armbinden, die Zeitungen, die Propagandablätter, alles würde mit der Umkehrung des heiligen Zeichens seine Kraft verlieren. Cyrus sah Gabriel bewundernd an. „Wird es schnell gehen?“ „Ja“, antwortete Gabriel. „Ob sie uns dann wieder spüren können?“ „Ich weiß es nicht“.
 
    
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