DIE 75 KIMONOS
© 2000
Es trug sich zu, dass Ichuko bereits in jungen Jahren in den Krieg geschickt wurde. Durch seine Unerfahrenheit
geriet er bald dem Feind in die Haende und wurde mit vielen anderen Soldaten in ein Arbeitslager gebracht. Es herrschten extrem kalte
Temperaturen und ein immerwaehrender Wind, der einem das Mark in den Knochen gefrieren liess. Unter diesen Wetterbedingungen mussten
die Kriegsgefangenen hart arbeiten. Viele wurden krank und starben.
Jeden Abend betete Ichuko zu Gott und bat ihn um Kraft fuer
den naechsten Tag. Und wie durch ein Wunder, konnte er standhaft gegen Kaelte und Eis bleiben und ueberlebte alle Krankheiten an denen
viele seiner Kameraden starben. Immer wenn Ichuko abends erschoepft auf seiner Pritsche lag, dachte er an zu Hause. Das Dorf in dem
er lebte, lag am Fusse eines grossen Berges dessen Gipfel immer mit Schnee bedeckt waren. Seine Arbeit als Faerber liebte er sehr.
Immer hatte er danach gestrebt die Faerbungen der Stoffe vollkommnen zu gestalten. In einem Museum, hatte er einmal ein Stueck Seide
bewundert, das so perfekt gefaerbt war, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Keiner konnte ihm etwas ueber diese Technik sagen.
Selbst sein erfahrener Meister wusste es nicht und hielt die Faerbung fuer einen Zufall. Da Zufaelle in den seltesten Faellen ein
zweites Mal gelingen, riet ihm der Meister, sich an dem Anblick zu erfreuen und nicht ueber seine Ausfuehrung nachzudenken.
Am
naechsten Morgen wachte Ichuko mit den Gedanken an seine Heimat auf. Die schwere Arbeit erschien ihm an diesem Tag noch muehsamer
als zuvor, befand er sich doch immer mit seiner Aufmerksamkeit an sein Zuhause. Traurig dachte er an Freunde und Familie, die er vielleicht
nie wieder sehen wuerde. Demuetig betete er zu Gott, das Er ihm die Trauer nehme. Mit einem Male verspuerte Ichuko eine grosse Freude
in seinem Herzen aufsteigen. Die Freude breitete sich aus und lies keinen Platz mehr fuer traurige Gedanken. Ploetzlich war alles
gar nicht mehr so furchtbar, die Arbeit wurde leicht und er war trotz der entsetzlichen Umstaende voller Lebensfreude. So kam es,
dass Ichuko Kubota, aus Dankbarkeit und Demut, Gott ein grosses Versprechen gelobte. Er versprach Gott, dass er 75 Kimonos in der
vollkommensten Technik fuer Ihn faerben wuerde, wenn er nur wieder in seine Heimat zurueckkommen koennte.
Zwei Wochen spaeter
gelang ihm die Flucht aus dem Arbeitslager und mit der Hilfe von guten Menschen war er wenige Monate spaeter wieder in seinem Dorf
am Fusse des Fujijamas. Sehr wohl wusste er, wem er seine Flucht zu verdanken hatte und er erinnerte sich auch an das Versprechen,
das er gegeben hatte. Um dieses Versprechen einzuloesen, benoetigte Ichuko Geld. Zuerst arbeitete er fuenf Jahre um genuegend Geld
fuer sein Unterfangen sparen zu koennen.
Er dachte, dass es ihm in weiteren fuenf Jahren gelingen wuerde eine Faerbetechnik zu
finden, die der entsprach die er in dem Museum gesehen hatte. Doch bis Ichuko nach vielen Versuchen, mit dem Ergebnis zufrieden war
und mit seiner Arbeit beginnen konnte, war bereits das 10. Jahr ins Land gezogen. Die Motive fuer seine Kimonos fand er in der Natur.
Er schaute sich die wunderschoenen Landschaften an und meditierte darueber. Anschliessend versuchte er diese Eindruecke auf die Kimonos
zu uebertragen. Seine Arbeit geriet immer mehr in Fluss und schliesslich brauchte er nur noch ein Jahr fuer die Fertigstellung eines
einzigen Kimonos. Als er 43 der edlen Stuecke fertig hatte, sagte ihm ein guter Freund, dass er auch anderen Menschen zeigen muesse,
was er Gott versprochen hatte. Ichuko willigte ein und so kam es, dass diese Kimonos in der ganzen Welt ausgestellt wurden um die
Menschen an Gott zu erinnern. Jedes einzelne Stueck aus feinster Seide war ein Meisterwerk fuer sich, doch zusammen ergaben sie ein
Beispiel von wahrhaftig vollkommenster Handwerkskunst. Das Motiv auf einem Kimono war wie der Teil eines Puzzlespiels. Alle Kimonos
zusammen ergaben ein komplettes Bild von unbeschreiblicher Schoenheit.
Inzwischen ist Ichuko Kubota 87 Jahre alt und faerbt die
noch fehlenden Kimonos die er Gott versprochen hatte. Die von ihm erfundene Faerbetechnik wird Ichuko Tsu Tsi Gahara genannt und im
Gegensatz zu einem Maerchen ist in dieser Geschichte jedes Wort wahr. Wenn du dich selbser davan ueberzeugen moechtest, dann frage
doch Gott und wer weiss, vielleicht sind diese Kimonos bald auch in deiner Stadt zu sehen.