WIENER SAENGERKNABEN UNTER NEUER FUEHRUNG
© 2002
Seit letztem Jahr haben nun die Wiener Sängerknaben einen neuen künstlerischen Leiter: Gerald Wirth! Täglich muss er dort
viele Entscheidungen fällen, die das Wohl der Kinder sowie deren Kapellmeister betreffen. Auch die wirtschaftlichen Aspekte müssen
weise bedacht werden, denn die Institution ‚Wiener Sängerknaben’, ist ein privater Verein, der sich durch die Einnahmen aus Konzerten
und Plattenproduktionen selbst erhalten muss. Keine einfache Aufgabe. Aber Gerald weiß, was er tut. Für jemanden, der diese Organisation
seit seinen Kindheitstagen kennt, ist es ein Leichtes. Mit Diplomatie, Humor und Verständnis sowie mit liebevoller Strenge bemüht
er sich die Kinder zu motivieren und sie der Musik näher zu bringen.
Das Repertoire der Wiener Sängerknaben hat sich durch seinen
Einfluss sehr erweitert und reicht von der Gregorianik, über die Klassik bis zur zeitgenössischen und experimentellen Musik. Auch
Popmusik, Hip Hop und Weltmusik sind den Sängerknaben nichts Fremdes mehr. Da gibt es viel einzustudieren und oft bleibt es nicht
aus, dass Gerald auch den Kapellmeistern Unterstützung geben muss, indem er bei der Auswahl der Musik für die Konzerte hilft oder
auch schon mal selber eine Probe oder Dirigat übernimmt.
Nebenbei hält er noch Workshops über Chorleitung, Stimmbildung und Aufführungspraxis
in In- und Ausland, dirigiert Orchester und komponiert Musikstücke und Opern wie z.B. „Der kleine Prinz”, „Mahalakshmi” oder das aktuelle
Werk „Die Schicksalstafel”, eine Oper in der es natürlich - um Schicksal geht, - aber auch um Vorherbestimmung, Verantwortung für
das eigene Tun und schließlich das Besinnen auf sich selbst. „Nicht das Eitle in der Welt sollt ihr verehren; die Wahrheit liegt in
euch selbst“, singen die babylonischen Götter zum Schluss.
Im April ging „Die Schicksalstafel“ in Japan auf Tournee, allerdings
ohne Gerald. „Das habe ich diesmal ganz alleine dem Kapellmeister ueberlassen”, sagt der vielbeschaeftigte Musikus. „Normalerweise
schaue ich schon mal bei einer Tour vorbei. Oft ist ein Chor drei Monate unterwegs und da kann es schon mal vorkommen, dass der ein
oder andere Heimweh bekommt.” Und Heimweh müssen nicht unbedingt nur die Jüngeren bekommen. Jeden Tag mit 25 quicklebendigen Kindern
um die Welt zu reisen, kann einen Kapellmeister oder die zwei Erzieher, die ebenfalls mit auf Tour fahren, schon mal an ihre Grenzen
bringen. „Ich rate dann immer den Kapellmeistern neue Stücke auszuprobieren oder viel mit den Kindern zu unternehmen. Das beschäftigt
alle und lässt einem keine Zeit für traurige Gedanken an die Heimat.“
Dass Gerald gut mit Kindern umgehen kann, liegt wahrscheinlich
auch an seiner eigenen Familie. Immerhin bezeichnen er und seine Frau Elke drei Buben und drei Mädchen als ihre eigenen Sprösslinge.
Wie schafft es ein so vielbeschäftigter Mann nur, sich auch noch um die 7-köpfige Familie zu kümmern? „Na ja”, sagt Gerald schmunzelnd
“seit dem Shriranga, der älteste meiner Söhne, jetzt auch Sängerknabe ist, sehe ich ihn ein bisschen öfter. Wir fahren an den Wochenenden
jetzt immer gemeinsam nach Hause.” Leben tut nämlich der Meister des Chorgesanges von Montags bis Freitags in Wien und von Samstags
bis Sonntags bei seiner Familie in Tradigist, südlich von St. Pölten im wunderschönen Pielachtal.
Seine Frau Elke nimmt’s gelassen.
„Sicher wäre es schön, wenn Gerald öfter zu Hause wäre, auch die Kinder genießen es sehr, wenn er da ist. Aber ich würde niemals irgendwelche
beruflichen Einbußen von ihm verlangen, denn ich wusste schon vor dem Heiraten, dass sein Beruf ihm sehr wichtig ist und ein wesentlicher
Teil seines Lebens. Er ist so talentiert, dass es sehr unfair wäre, ihn in seiner künstlerischen Laufbahn zu behindern. Gleichzeitig
ist er aber ganz und gar ein Familienmensch, und die Beschäftigung mit seinen eigenen Kindern ist ihm in seinen freien Minuten ganz
selbstverständlich und natürlich. Also, alles in allem fühlen wir uns eigentlich gar nicht von ihm vernachlässigt.“ Von den Kindern
der Wirths kommen jedenfalls keine Beschwerden, dass ihr Vater zu wenig Zeit für sie hat. Beschwerden hat nur manchmal der alte Bauernhof,
in dem sie leben, denn für die Reparaturarbeiten bleibt nun wirklich so gut wie nie Zeit.